
Wie schon auf diesen Seiten erwähnt, bebte Spanien dieser Tage mit Maria Carmen Abascal aus Madrid. Die 87jährige wurde aus ihrer während Jahrzenten gemieteten Wohnung vertrieben.[i] Ein Investmentfonds hatte das Appartementhaus aufgekauft und die Miete um das fast Dreifache erhöht.
Die imposanten Straßendemonstrationen von Zehntausenden halfen, diese furchtbare Schandtat rückgängig zu machen. Und die Madrider Regierung erließ eilig Dekrete, welche weitere spekulative Wohnungsankäufe dieser Art verbieten und Exmittierungen bis 2030 blockieren sollten.
Gewiss waren diese Maßnahmen seit Jahren überfällig; sie fielen dennoch noch im Parlament durch. Die Unabhängigkeitsparteien Kataloniens und des Baskenlandes ließen Pedro Sánchez und seine mühsam zusammengeflickte Mehrheit im Stich. Bestimmt auf Geheiß der Immobilienspekulanten, deren Interessen sie seit Jahren eifrig vertraten und so für die Allgemeinheit vernünftige Lösungen vereitelten.
Daraufhin gingen die Spanier zu Hundertausenden auf die Straße; über 130 Zelte besetzten aus Protest die beliebte Puerta del Sol in Madrid und fordern neue Dekrete. Sánchez kündigte Neuwahlen für Ende November an und die stärkste Gewerkschaft, die Commisiones Obreras hat den Generalstreik für noch vor diesem Datum ausgerufen. Endlich sollen klare Verhältnisse geschaffen werden; die Frage des Wohnrechts steht dauerhaft im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung, und das Geplärre um die Zuwanderung ist dort abgelöst.
Die Wohnungskrise verschont fast kein Land der Welt; die Ursachen sind oft verschieden aber fast immer steckt Konzentration von Landbesitz und Spekulation dahinter, mit Untätigkeit und Korruption einhergehend.
Zögerlich oder entschlossen: Kampf gegen Wohnungsnot
Verschieden sind aber auch die Methoden des Kampfes gegen die Wohnungsnot und man wünscht sich, dass sich die Luxemburger Linke ein Beispiel an der Madrider Jugend nehmen sollte, nachdem sie es versäumt hat, sich an den Kämpfen der Berliner Bürger gegen Spekulation zu inspirieren, unter anderem an den gut organisierten Besetzungen leerstehender Häuser, an denen ja auch diesseits der Mosel kein Mangel besteht.
Diese Bescheidenheit der Entschlossenheit hat Tradition. Weder linke Parteien noch Gewerkschaften haben sich in den letzten hundert Jahren mit der Wohnungsfrage als zentrales Objekt des gesellschaftlichen Fortschritts beschäftigt. In der Tat schienen die Errungenschaften der Arbeiterbewegung im „roten Wien“ der 20er und 30er Jahre, der Genossenschaftsbewegung Deutschlands in derselben Zeit und der Wohnungsbauten des Parisers „roten Gürtels“, ja selbst die New Yorker Wohnbaugenossenschaften, kaum wahrgenommen worden zu sein. Bis jetzt gelten sie wohl als historische Kuriositäten. Leider !
Offensichtich gibt es schon viel zu lange ein hartnäckiges Einvernehmen, den durch billige Kredite und inflationsangepasste gute Löhne scheinbar ermöglichten, privaten Hausbau als Dauerlösung des Wohnungsproblems anzusehen. Dies anstelle ausgewiesener und erprobter, sozialistischer Gemeinschaftsinitiativen.
Herausgekommen bei dieser Politik der Verteidigung des Privateigentums als nationales Heiligtum, gefördert auch durch Kleinbürgerfiguren wie der ehemalige grüne Wohnungs- und Polizeiminister Kox, sind ein struktureller Mangel zehntausender Wohnungen, sowie Mietpreise, die durch die Decke gehen.
Die Zeit ist jetzt gekommen, über den Rand der Pyrenäen zu schauen und endlich Aktionsmaßnahmen einzuleiten, die dem Stillstand in der Wohnungsfrage ein Ende setzen.
[i] Maria Carmen Abascal verstarb am 7. Oktober 2026. Man darf annehmen, dass sie den Strapazen der Exmittierung und des erneuten Umzuges in ihre alte Bleibe nicht mehr gewachsen war.

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