IApocalypse now – oder in 10 Jahren ?

Anthropic-Chef Dario Amodei hat am letzten Wochenende in einem Essay vor einer zu schnell voranschreitenden KI-Entwicklung gewarnt und eine Regulierung der Künstlichen Intelligenz gefordert. Der Stellungnahme Amodeis war vor einigen Wochen der selbstständige Hackerangriff mehrerer KI-Modelle des Unternehmens OpenAI auf das interne System der Programmierplattform Hugging Face vorausgegangen. Dieser Vorfall, welcher sich einige Tage später mit KI-Modellen des US-Technologie-Konzerns Anthropic wiederholte, wurde als «Paradigmenwechsel» bezeichnet. Er wirft ein grelles, medienwirksames Licht auf das Gefahrenpotential der Künstlichen Intelligenz. Die Fähigkeiten von KI-Modellen nähmen «massiv» zu ; das verändere auch die «Bedrohungslage massiv», so ein Sprecher des deutschen Digitalministeriums. Und die Enthüllung in den sozialen Netzwerken von Jacob Coxon, einem Ingenieur, der sukzessiv bei OpenAI und Anthropic von seinem Posten zurückgetreten ist, die Entwickler von KI-Modellen glaubten, diese Technologie sei in der Lage, die Menschheit innerhalb der nächsten zehn Jahre zu vernichten, goss zusätzliches Öl ins Feuer. Man denkt unweigerlich an Stanley Kubricks Kultfilm „2001: A Space Odyssey“, wo der sich bedroht fühlende Computer HAL versucht, die Kontrolle über das Raumschiff zu bekommen, indem er nach und nach dessen Besatzungsmitglieder tötet. Das Risiko einer außer Kontrolle geratenen KI , welches an erster Stelle von der Presse propagiert wird , ist aber „nur“ die Spitze des Eisbergs. Denn – ohne dieses Risiko kleinreden zu wollen – der verborgene Teil des Eisbergs, nämlich die jetzt schon bestehende Bedrohung für Demokratie, Wirtschaft und Umwelt wiegt mindestens genauso schwer. Dies aufgrund der gigantischen wirtschaftlichen und politischen Macht der Silicon-Valley Konzerne, deren Köpfe exklusiv den Profitgedanken pflegen, die Demokratie als Hindernis für ihre Ziele sehen und gar faschistoides Gedankengut verbreiten. Elon Musk und Peter Thiel sind in letztere Richtung verwerfliche Spitze. Ein Beitrag von Michel Pletschette auf paroles.lu wird in Kürze das Thema Technofaschismus vertiefen. Alle großen BIG-Tech-Magnaten haben eine Allianz mit Trump geschlossen und seinen Wahlkampf mitfinanziert.
Umso erstaunlicher erscheint es deshalb, dass Sam Altman, der Chef von OpenAI (ChatGPT), Elon Musk, der SpaceXAI (Grok) leitet, und Demis Hassabis, Mitbegründer von Google DeepMind (Gemini), dem Brems- und Regulierungsvorschlag Amodeis, zustimmten. Donald Trump sprach dagegen von „Schwindel“, der China in die Hände spiele und lehnt jede Regulierung ab.
Nicolas Chapuis, New Yorker Korrespondent der Zeitung Le Monde, ist skeptisch ob der Ehrlichkeit der ethischen Bedenken der Silicon Valley-Milliardäre. Er schreibt in seinem Artikel vom 15. September unter dem Titel :„Die zunehmende Debatte über die ‚Apokalypse‘ ist auch und vor allem eine Frage des großen Geldes“: „Die größten Skeptiker, wie David Sacks, der früher als Berater von Donald Trump im Bereich KI tätig war, sind der Ansicht, dass die Branchenriesen die apokalyptische Debatte anheizen, um eine Regulierung zu begünstigen. Dies würde die Positionen zu ihrem Vorteil einfrieren und die Entwicklung offener Modelle verhindern, die zwar möglicherweise weniger leistungsfähig, aber auch wesentlich kostengünstiger sind. Kurz gesagt : verlangsamen, um besser herrschen zu können.“ Besonders auch gegenüber China!
KI-Aufbau mit großen finanziellen Unsicherheiten
In Sachen „großes Geld“ ist tatsächlich vieles zu hinterfragen!
Zum Aufbau der neuen Infrastrukturen für die künstliche Intelligenz sind gegenwärtig gigantische Summen im Spiel, während die Rentabilität dieser pharaonischen Investitionen eher spekulativ ist.
Die beiden KI-Riesen OpenAI und Anthropic haben den Cloud-Anbietern, welche Rechen- und Speicherdienste in großem Maßstab anbieten – den sogenannten Hyperscalern (Google, Amazon, CoreWeave, Oracle, Microsoft u.a.) – mehr oder weniger verbindlich zugesagt, bis 2030 für rund 1.200 Milliarden Dollar an Chips und Rechenleistung in deren Datenzentren zu verbrauchen. Diese wiederum haben seit 2020 bereits 1.900 Milliarden Dollar in Datenzentren investiert und planen weitere Investitionen von 5.300 Milliarden Dollar zwischen 2025 und 2030 (Zahlen : Goldman Sachs). Der Chef des Chip-Produzenten Nvidia prognostiziert noch weitaus höhere Investitionen, nämlich zwischen 9.500 und 15.000 Milliarden Dollar.
Werden die Einkommen den Investitionen entsprechen – oder droht eine neue Spekulationsblase, wie die Dotcom-Internetblase vom Jahr 2000 ?
Vieles hängt von der Nachfrage ab, und die wiederum vom Preis der angebotenen Dienstleistungen, welcher zunehmend steigt. Verschiedene große Abnehmer wie Uber oder Amazon versuchen bereits die KI-Ausgaben zu begrenzen und OpenAI und Anthropic liefern sich derzeit eine regelrechte Preisschlacht. Den Verlierer, sowie dessen Kreditgeber und Aktionäre werden wohl die Hunde beißen.
Doch die Hauptauseinandersetzung findet auf der Kostenseite statt und dabei ist China klar im Vorteil: von den niedrigeren Löhnen einmal abgesehen, setzt es nämlich auf eine weniger aufwendige und teure Chip-Produktion als die US-Firmen (im Vergleich von 1 zu 10), sie entspricht mehr den Bedürfnissen der Verbraucher. Der Fall DeepSeek ist symptomatisch ; so nutzt Microsoft bereits DeepSeek V4 als kostengünstigere Suchmaschine. Zudem holt China qualitätsmäßig weit schneller auf bei der Herstellung hochentwickelter Chips als bisher angenommen.
Bei alldem rücken immer dringlicher die Profiterwartungen ins Zentrum. OpenAI hat bisher keinen Cent Gewinn erwirtschaftet; dies und der Börsenabsturz von Elon Musks SpaceX-Aktie um 34% innerhalb von 2 Wochen haben dazu geführt, dass OpenAI momentan auf einen Börsengang verzichtet.
Anthropic hält dagegen daran fest und möchte 100 Milliarden Dollar auf diese Weise mobilisieren; dies ist der bisher höchste Börsengang in der Geschichte. Nach einem Verlust von fast 42 Milliarden Dollar im Jahr 2025 vermeldet nun der Konzern als Anreiz einen geschätzten Betriebsgewinn von 559 Millionen US-Dollar im 2. Quartal. Bei einem Umsatz von geschätzten 100 bis 120 Milliarden Dollar (Financial Times) bis Jahresende ist das wenig.
Nicolas Chapuis fragt sich im bereits erwähnten Le Monde -Artikel, welche „Risikofaktoren“ Anthropic wohl im obligatorischen Börsendokument angeben wird, angesichts der geäußerten Ängste Amodeis vom vergangenen Wochenende. „Wohl nicht das Ende der Menschheit!“, meint er.
Trotz des erstmaligen geschätzten Betriebsgewinns bei Anthropic – zwei Jahre früher als vorausgesagt – bleibt offen, woher das weitere Geld für die Investitionen kommen soll. Wohl kaum von den Banken, die bereits 450 Milliarden Dollar vorgeschossen haben und nun vorsichtiger werden. Die zunehmende Verschuldung, sowohl der KI-Firmen als auch der Hyperscaler bereitet große Sorgen. Es bleibt der Rückgriff auf private, nicht börsennotierte „alternative“ Investoren, gepaart mit abenteuerlichen Finanzkonstruktionen, um die Verschuldung zu vertuschen. Es droht ernste Gefahr am Horizont!
Trump: Alle vor den Karren der USA !
Zur Realisierung der kolossalen KI-Investitionen, deren private Bewältigung riskiert in einem Fiasko zu endigen, die aber für die Trump-Administration eine entscheidende Rolle spielen, um die ins Wanken geratene Hegemonie der USA aufrecht zu erhalten, wird die ganze Kraft des Yankee-Staates in den Dienst der Big Tech gestellt. Der Begriff „Staatskapitalismus“ trifft genau das, was da geschieht : die kapitalistische Akkumulation wird mit Hilfe des Staates verstärkt, u.a. durch Begünstigung von Betrieben und Einflussnahme auf den Markt. In dem Sinne werden auch alle Register gezogen, die der US-Großmacht zur Verfügung stehen, um auf die Ressourcen anderer Staaten, inklusive die der Verbündeten, zugreifen zu können.
Dieser Zugriff erfolgt unter Nutzung der zentralen Rolle des US-Dollars im internationalen Währungssystem, von dem weltweit bereits um die 15.000 Milliarden als Schuldverschreibungen gegenüber dem Rest der Welt existieren. Damit es nicht zu einem Dollarverfall und zu einem Kursverlust der US- Schuldverschreibungen komme und damit andere Länder die Finanzierung der KI- und anderer Investitionen der USA weiterhin mittragen, wird politischer Druck ausgeübt ; so droht die Trump-Regierung den Abweichlern mit weiteren Import-Zöllen, sowie dem Entzug des atomaren Schutzschildes.
In der zweiten Amtszeit Trumps ist die Förderung sogenannter Stablecoins zur erklärten Regierungsstrategie geworden, um die Rolle des US-Dollars im internationalen Zahlungsverkehr und als weltweit wichtigste Reservewährung zu stärken. Stablecoins sind von Privatunternehmen zentral ausgegebene Kryptowährungen, deren Wert an einen Währungskorb oder an eine Referenzwährung – in diesem Fall an den US-Dollar – gekoppelt ist. Sie können jederzeit ohne Kosten in diese Referenzwährung umgetauscht werden. 95 % der bestehenden Stablecoins sind derzeit durch den US-Dollar gedeckt und ein erheblicher Teil der 1 zu 1 – Reserven, die den Umtausch garantieren sollen, sind in US-Staatsanleihen angelegt. Diese Charakteristik, dass nahezu jeder Stablecoin durch einen in Reserve angelegten Dollar abgedeckt ist einerseits, und die private Emission und Reserveverwaltung andererseits, brechen mit dem internationalen Währungssystem und haben weitreichende Konsequenzen. Eric Monnet schreibt in Cryptocurrencies, Geopolitics, and the Future of the International Monetary System : „Wenn ein Unternehmen oder ein Haushalt beschließt, seine Mittel in Stablecoins, statt in Bankeinlagen zu halten, werden diese Mittel nicht mehr über das inländische Finanzsystem vermittelt. Sie werden automatisch in sichere Vermögenswerte investiert, die der Referenzwährung entsprechen, meist US-Staatsanleihen.“
Es versteht sich demnach von selbst, dass die US-Regierung auf eine Verbreitung der Dollar-basierten Stablecoins setzt, um so dem US-Staat Geld zuzuführen. Bis zum Jahr 2030 rechnet US-Finanzminister Scott Bessent mit 2.000 Milliarden Dollar. Darüber hinaus machte die Trump-Familie selbst kürzlich mit dem Kryptowährungsunternehmen World Liberty Financial hohe Gewinne.
Anderen Ländern werden auf diese Weise hingegen Gelder entzogen, da die lokale Liquidität nicht mehr der Finanzierung der inländischen Wirtschaft dient; gleichfalls verlieren sie mit zunehmendem Stablecoin-Gewicht die Möglichkeit, eine autonome Geldpolitik zu betreiben.
Erfolg haben könnte die US-Stablecoin-Strategie in Staaten mit schwacher Wirtschaft und schwachem Bankensystem. In wirtschaftlich gut entwickelten Ländern ist das Risiko allerdings begrenzt und es besteht insbesondere die Möglichkeit, die Stablecoins in das bestehende System mit Zentralbank und Geschäftsbanken einzubinden. Tatenlos zusehen, wie brachliegendes Geld per Stablecoins gekapert wird, um die Prädominanz der amerikanischen Big Tech auszuweiten und das internationale Währungssystem noch weiter zu deregulieren, darf für die EU keine Option sein!
Doch scheint Europa in Sachen KI erneut eine Produktivkraftentwicklung und -Regulierung zu verpassen, wie dies schon im Bereich der Elektromobilität passiert ist. Für letzteres selbstverschuldete Fiasko macht die deutsche Autoindustrie China verantwortlich und wirbt weiter für den Erhalt des Verbrennungsmotors – trotz offensichtlicher Klimakrise. Statt gemeinsam eine industrielle Vorreiterrolle anzustreben, wird in der EU weiterhin national um private Profite gekämpft und tagtäglich das wirtschaftliche und politische Unvermögen zur Schau gestellt.
In ihrer Rede zur Lage der Union vor dem EU-Parlament am Mittwoch konnte die Kommissionspräsidentin von der Leyen wenig Neues in Richtung KI vermelden. Sie kündigte lediglich an, in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern wie Kanada oder Großbritannien die Regulierung der Branche vorantreiben zu wollen und sich mit führenden KI-Entwicklern beraten zu wollen, wie die Risiken dieser Technologie begrenzt werden können. Das genügt sicher nicht; erforderlich ist eine Kontrolle vor Ort, in den Betrieben. Und die übliche Warnung vor der Dominanz Chinas kann eine Politik des Kräftebündelns in der EU statt der Konkurrenz und des gegeneinander Handeln nicht ersetzen.
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Quellen:
– Anton Brender, Géopolitique de la dette, Odile Jacob, 05-2026.
– Sebastien Broca, Les noces de l’IA et de l’État, Le MONDE diplomatique, 04-2026.
– Nicolas Chapuis, « Le débat croissant sur l’<IApocalypse> est aussi et surtout une histoire de gros
sous », Le Monde, 15-09-2026.
– Frédéric Lordon, Awaiting the Crash ?, Economics, 09-07-2026.
– Éric Monnet, Cryptocurrencies, Geopolitics, and the Future of the International Monetary System,
Revue d’économie financière 2026/1 no 161, CAIRN INFO.

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