
In der Juni-Ausgabe 2026 des MONDE diplomatique erwähnt Olivier Neveux ein Zitat Hegels „Die Wahrheit ist konkret“, welches Bertolt Brecht auf seinen Schreibtisch geschrieben hatte.[i]
Hegel meinte damit, dass alle einzelnen Sachverhalte in Allgemeines eingebunden sind, aber in jeweils konkret bestimmten Beziehungen. Das Einzelne braucht die konkreten Beziehungen, um seine Wesenszüge zu realisieren (siehe : Annettes Philosophenstübchen, 1997/98 – http://www.thur.de/philo/as124.htm.)
Was ist für die Gesellschaft, in der wir leben, dieses Allgemeine, in das die einzelnen Sachverhalte eingebunden sind ? Für Brecht sind es die Eigentumsverhältnisse, sagte er doch im Juni 1935 am Ende seines Vortrags auf dem Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur: „Genossen, lasst uns über die Eigentumsverhältnisse sprechen! Das wollte ich zum Kampf gegen die aufkommende Barbarei sagen.“ Wie Olivier Neveux betont, hat sich Brecht immer geweigert, Faschismus und Kapitalismus voneinander zu trennen. Er wollte „in seinem Theater an die Wurzel gehen, in anderen Worten den Kapitalismus nicht nur benennen und seine Verwüstungen anprangern, sondern auch seine Logik und Organisation sichtbar und hörbar machen“[ii].
In der jetzigen Debatte über die massive Aufrüstung sind diese Zitate von Hegel und Brecht hochaktuell.
Ausweitung der Nato und Aufrüstung
Sicher verstößt die russische Invasion der Ukraine gegen das Völkerrecht und sie ist durch nichts zu rechtfertigen. Doch sie ist nicht aus heiterem Himmel gekommen, sondern das Resultat eindeutiger politischer Entscheidungen von Seiten der USA nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung der UdSSR. Robert Zoellick, oberster Mitarbeiter von Außenminister Baker, meinte im August 1990 unverblümt: „Wenn die Deutschen die Vereinigung mit den Sowjets regeln, kommt die NATO auf die Müllhalde.“ Und Robert Blackwill, spezieller Sicherheitsberater von Präsident George Bush Senior, sah eine Neutralität Deutschlands ohne Atomwaffen für die USA als völlig inakzeptabel an, da es die „Hauptaktivposten aufgeben würde“ – die Truppen und Waffen – „durch die die Vereinigten Staaten nach dem Krieg zu einer europäischen Macht wurden.“ Beide entsprachen damit vollkommen dem Ziel des derzeitigen US-Präsidenten , die NATO beizubehalten. Dessen Reaktion auf die Idee, dass Moskau über Deutschlands Beziehung zur NATO entscheiden könnte, war unzweideutig: „Zum Teufel damit!“ Somit stand Michael Gorbatschows „gemeinsames europäischen Haus vom Atlantik bis zum Ural“ von Anfang an außer Frage. All dies hat Mary Elise Sarotte sorgfältig anhand von Archivmaterial in ihrem Buch „Nicht einen Schritt weiter nach Osten“ im Detail dokumentiert[iii]. Sie schlussfolgert abschließend: “Amerikanische Panzer sind nach Europa zurückgekehrt , was das Gefühl der Konfrontation verstärkt hat. Ein Zyniker würde sagen, nachdem die Funktion der NATO durch das Ende des Kalten Kriegs in Frage gestellt wurde, erweiterte sie sich, bis sie wieder notwendig wurde.“
Die US-Präsidenten Bush Senior und Clinton haben im Endeffekt alle Kompromisse und Optionen ausgeschlagen, so dass die Ukraine und ganz Europa zum Opfer der neuen Trennungslinie östlich derjenigen des Kalten Krieges geworden sind. Die konkrete Wahrheit ist die, dass die Verschiebung der Kräfteverhältnisse nicht genutzt wurde, um Frieden zu stiften, sondern um den Aktionsradius der dominierenden imperialistischen Macht – hier der USA – auszuweiten.
Nationalismus als Nährboden für den Krieg
Mit der Entstehung der kapitalistischen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert ist der Nationalismus zum willkommenen Nährboden für Kriegstreiberei geworden.
Kriege dienen der Festigung der Macht im Inland und der Durchsetzung kolonialer Interessen weltweit.
Wenn wirtschaftlich nichts mehr geht und das imperialistische System ins Wanken gerät, wird aufgerüstet und Krieg geführt, aller wirtschaftlichen und sozialen Realität zum Trotz. Denn Aufrüstung und Krieg sind immer Inflations- und schuldenfördernd; sie führen zum Abbau sozialer Leistungen, sind umweltvernichtend, befeuern derzeit die Klimakrise noch weiter und sie sind vor allem menschlich desaströs.
« Le nationalisme, c’est la guerre », dieser Ausspruch von François Mitterrand am 19. Januar 1995 vor dem Europaparlament in Straßburg spielte auf die Millionen Toten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg an.
Der Nationalismus in einzelnen Sowjetrepubliken kam auch beim Zusammenbruch der UdSSR zum Tragen, wobei führende kommunistische Apparatschiks diesen bei der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zum Erhalt ihrer jeweiligen Hausmacht nutzten. Robert Strauss, US-Botschafter in Moskau im Jahre 1991 verstand nicht, warum Michael Gorbatschow die Gefahr der Abspaltung der Sowjetrepubliken nicht erkannte, meinte er doch : „Aus irgendeinem Grund – russischer Chauvinismus oder marxistische Erziehung – hat es Gorbatschow nie geschafft, die Macht des Nationalismus als Motivationskraft zu verstehen.„[iv]
Den Zusammenbruch der ehemaligen Weltmacht zumindest teilweise rückgängig zu machen, die erlittenen Demütigungen heimzuzahlen und den wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss Russlands wiederherzustellen sind für das Putin-Regime und für viele Russen wesentliche Antriebsfedern beim Überfall auf die Ukraine gewesen. Hunderttausende Tote und Schwerverletzte, massive Zerstörung und wirtschaftlicher Niedergang sind das Resultat – auf beiden Seiten.
In der Vergangenheit – und leider auch heute noch – war die Religion ein weiteres Motiv, Menschen gegeneinander aufzubringen und kämpfen zu lassen.
John Lennon träumt in seinem bekannten Lied „Imagine“ davon, dass das Verschwinden dieser beiden folgenschweren Motive Frieden bringt :
Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace
Kriegslogik statt Friedenslogik
Die damaligen europäischen Regierungen tragen eine eigene Verantwortung für die gegenwärtige Lage auf unserem Kontinent, da der Ausdruck konkurrierender Machtblöcke nur einseitig betrachtet wurde. Statt die Eskalationslogiken beider Machtblöcke in Frage zu stellen, reihten sich schließlich alle hinter den USA für den Erhalt der NATO ein, stimmten der NATO-Osterweiterung zu und öffneten so einerseits dem russischen Nationalismus und andererseits der derzeitigen massiven Aufrüstung Tür und Tor.
Wessen Nutzen, wessen Schaden ?
Eine Kriegslogik nutzt den Besitzenden, die daraus direkt Profit ziehen und sich nicht scheuen, ihr Geld den Waffenproduzenten anzuvertrauen – letztere kriechen jetzt auch in Luxemburg aus ihren Löchern hervor – und für den Erhalt der bestehenden Weltordnung Krieg zu führen.
Sie schadet hingegen der Mehrheit der besitzlosen Bevölkerung, die von den unabwendbaren Kriegsfolgen (Inflation, sozialer Rückschritt und Zerstörung) betroffen sein wird, und vor allem jenen Besitzlosen, die früher oder später ihr Leben an der Front riskieren müssen.
Wobei wir wieder bei den Eigentumsverhältnissen angekommen wären, die Bertolt Brecht auf der Suche nach der konkreten Wahrheit als wesentlich erachtete. In ihrem Rahmen kommen die eben beschriebenen konkreten Beziehungen zum Ausdruck und so realisieren sich ihre Wesenszüge.
[i] Olivier Neveux Brecht n’est pas un maître, Le MONDE diplomatique, Juni 2026.
[ii] Ibid. (i)
[iii] Alle Zitate aus: Nicht einen Schritt weiter nach Osten, Mary Elise Sarotte, C.H.Beck-Verlag, 2024.
[iv] Strauss, The Bolshevik Goetterdaemmerung: End of Empire and Russian Rebirth, SDC 1991-Moscow-32811, 15-11-1991.

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