Gedanken zu „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“

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Der folgende Text äußert sich zum Essay « Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus » von Rainer Mühlhoff , der von Jean-Claude Frantz auf paroles.lu rezensiert wurde. Die paroles-Redaktion begrüßt und fördert derartige Stellungnahmen, sei es mit einem Kommentar unter dem jeweiligen Artikel oder über eine Mail an paroles@pt.lu. Längere Erklärungen wie die vorliegende veröffentlichen wir mit dem Einverständnis des Autors oder der Autorin als Artikel.
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Der Titel von Rainer Mühlhoffs Essay ist stark. Vielleicht sogar bewusst verstörend: „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“.
Und tatsächlich sollte man die darin formulierten Warnungen nicht leichtfertig vom Tisch wischen.
Eine Technologie, die riesige Datenmengen verarbeitet, Menschen kategorisieren, Verhalten prognostizieren und Entscheidungen vorbereiten kann, besitzt ein enormes Machtpotenzial. Gerät dieses Potenzial in die Hände autoritärer Regierungen, wirtschaftlicher Monopole oder politischer Extremisten, kann es zu Überwachung, Manipulation und Ausgrenzung eingesetzt werden.
Davor zu warnen ist notwendig.
Doch gerade angesichts dieser von Mühlhoff beschriebenen Verbindung zwischen KI, Tech-Eliten und autoritären politischen Strömungen scheint mir eine Unterscheidung besonders wichtig zu sein:
- Künstliche Intelligenz ist kein politisches Subjekt.
- Sie hat keine Weltanschauung.
- Sie wählt keine Partei.
- Sie hasst keine Minderheiten.
- Sie träumt weder von Demokratie noch von Diktatur.
Damit soll weder Mühlhoff unterstellt werden, er behaupte das Gegenteil, noch richtet sich diese Bemerkung gegen die Rezension von Jean-Claude Frantz. Sie bezeichnet vielmehr den Ausgangspunkt meiner eigenen Überlegungen: die notwendige Trennung zwischen einer Technologie und den politischen, wirtschaftlichen oder ideologischen Zielen der Menschen, die sie entwickeln und einsetzen.
Sie tut zunächst das, wozu Menschen sie entwickeln, trainieren, einsetzen und benutzen. Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Denn zwischen der Feststellung „Faschisten können KI benutzen“ und der Behauptung „KI weist eine innere Nähe zum Faschismus auf“ liegt ein beträchtlicher Unterschied.
Auch Radio, Film, Statistik, Karteien und moderne Verwaltungstechniken wurden von totalitären Staaten benutzt. Propaganda bediente sich jeweils der modernsten Kommunikationsmittel ihrer Zeit. Daraus würde dennoch niemand folgern, das Radio sei seinem Wesen nach faschistisch oder eine Datenbank trage eine politische Ideologie in sich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht: Welche Gesinnung hat die Maschine?
Sondern: Wer besitzt sie? Wer kontrolliert sie? Wer bestimmt ihre Regeln? Und wofür wird sie eingesetzt?
Gerade hierin liegt meines Erachtens auch der stärkste Teil von Mühlhoffs Kritik. Seine Warnung richtet sich vor allem gegen eine Machtkonzentration bei großen Technologieunternehmen und gegen eine politische Nutzung von KI, welche demokratische Institutionen schwächen könnte. So beschreibt er selbst sein Buch als Warnung vor antidemokratischen Tendenzen im Zusammenspiel von Tech-Industrie und autoritärer Politik.
Das ist eine Debatte, die wir führen müssen.
Problematischer wird es jedoch dort, wo technische Eigenschaften von KI beinahe zu politischen Eigenschaften erklärt werden.
Dass heutige KI-Systeme häufig probabilistisch arbeiten, bedeutet beispielsweise, dass ihre Antworten und Prognosen auf Wahrscheinlichkeiten beruhen. Daraus können Fehlentscheidungen, Verzerrungen und Diskriminierungen entstehen. Das ist ein reales Problem.
Aber Wahrscheinlichkeit ist keine Ideologie.
Ein statistisches Verfahren ist nicht rassistisch, demokratisch, sozialistisch oder faschistisch. Die Kriterien, mit denen Menschen es entwickeln und einsetzen, können es sehr wohl sein.
Und genau deshalb wäre es schade, wenn eine notwendige Kritik an der Anwendung künstlicher Intelligenz in eine grundsätzliche Verdächtigung der Technologie selbst überginge.
Denn dieselbe KI, die zur Überwachung missbraucht werden kann, kann Menschen auch Wissen zugänglich machen.
- Sie kann übersetzen.
- Sie kann Menschen helfen, Texte zu verstehen oder selbst zu formulieren.
- Sie kann Lernenden etwas zehnmal erklären, ohne beim elften Mal ungeduldig zu werden.
- Sie kann Barrieren zwischen Sprachen und Bildungswelten verkleinern.
- Sie kann bei wissenschaftlicher Forschung unterstützen, kreative Prozesse begleiten und Menschen Möglichkeiten eröffnen, die ihnen vorher nicht zur Verfügung standen.
Keine dieser Anwendungen macht KI automatisch zu einer Kraft des Guten.
Aber ebenso wenig machen ihre möglichen Missbräuche sie zu einer Kraft des Bösen.
Technik besitzt keine Moral. Menschen geben ihr eine Richtung.
Vielleicht liegt deshalb die eigentliche Gefahr auch weniger in der künstlichen Intelligenz als in einem sehr menschlichen Reflex: Verantwortung an die Technik abzugeben.
Wenn eine Behörde sagt: „Der Algorithmus hat entschieden“, darf dieser Satz niemals das Ende einer Diskussion sein.
Wenn ein Unternehmen behauptet: „Die KI hat diesen Menschen aussortiert“, muss gefragt werden, nach welchen Kriterien, mit welchen Daten und unter wessen Verantwortung.
Und wenn eine Regierung KI benutzt, um Bürger zu überwachen, zu kategorisieren oder mundtot zu machen, dann ist nicht die Maschine zum Faschisten geworden.
Dann benutzen Faschisten eine Maschine.
Dieser Unterschied mag sprachlich klein erscheinen. Politisch ist er gewaltig.
Denn wer die Technologie selbst zum Gegner erklärt, läuft Gefahr, den Blick von jenen abzulenken, die tatsächlich Entscheidungen treffen: Menschen, Unternehmen, Regierungen und Institutionen.
Mühlhoffs Buch stellt deshalb wichtige Fragen. Gerade deswegen verdient es auch Widerspruch dort, wo der Eindruck entstehen kann, aus einer möglichen Verbindung zwischen KI, Macht und autoritärem Denken werde beinahe eine Wesensverwandtschaft.
- Wir sollten künstlicher Intelligenz weder blind vertrauen noch sie dämonisieren.
- Wir sollten sie kontrollieren.
- Wir sollten ihre Entscheidungen überprüfbar machen.
- Wir sollten ihre Macht begrenzen, wo sie Menschen bedroht.
- Und wir sollten sie nutzen, wo sie Menschen hilft.
Denn vielleicht ist das Problem am Ende gar nicht, dass Maschinen immer menschlicher werden.
Vielleicht besteht die größere Gefahr darin, dass Menschen ihre Verantwortung immer öfter an Maschinen abgeben.
Anmerkung
Seit dem 12. Juni 2026 liegt eine vollständig aktualisierte und erweiterte Neuauflage von Rainer Mühlhoffs Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus vor. Sie ist rund 70 Seiten umfangreicher als die ursprüngliche Ausgabe von 2025. Meine Überlegungen beziehen sich hier in erster Linie auf die Thesen der ursprünglichen Ausgabe sowie auf deren Darstellung im Beitrag von Jean-Claude Frantz. Eine Lektüre der erweiterten Neuauflage könnte selbstverständlich zeigen, ob der Autor einzelne Positionen inzwischen präzisiert, nuanciert oder weiterentwickelt hat.

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