
Étienne Davignon auf der Anklagebank
Am 17. Juni 2025 hatte die belgische Bundesstaatsanwaltschaft die Überstellung von Etienne Davignon, ehemaliger belgischer Diplomat, an das Strafgericht Brüssel beantragt. Dies im Rahmen der Ermittlungen zum Mord an Patrice Lumumba, dem ehemaligen Premierminister der Demokratischen Republik Kongo (DRK), im Jahr 1961. Davignon wurde beschuldigt, sich „der unrechtmäßigen Inhaftierung und Überstellung eines Kriegsgefangenen schuldig gemacht zu haben, ihm das Recht auf ein unparteiisches Verfahren vorenthalten und ihn demütigenden und erniedrigenden Behandlungen ausgesetzt zu haben“. Am 17. März 2026 war seine Überweisung an das Strafgericht durch die Ratskammer des französischsprachigen Gerichts erster Instanz in Brüssel angeordnet worden. Davignon, der alle Vorwürfe bestritt, war der einzige noch lebende Verdächtige unter den rund zehn belgischen Beamten, Polizisten und Geheimdienstmitarbeitern, die ursprünglich von der 2011 eingereichten Klage der Kinder von Patrice Lumumba – zum fünfzigsten Jahrestag seiner Ermordung am 17. Januar 1961 – betroffen waren. Zur Zeit der Ereignisse war Davignon als 28-jähriger Diplomatenanwärter vom Außenministerium in den Kongo entsandt worden. Später machte er eine bedeutende Karriere als Kommissar für Industrie, sowie als Vizepräsident der Europäischen Kommission. In Luxemburg ist er berüchtigt durch den Davignon-Plan, mit dessen Hilfe zehntausende Arbeitsplätze in der europäischen Stahlindustrie abgebaut wurden. Von ihm stammt auch der Ausspruch, die Stahlindustrie sei eine sterbende Industrie, welcher von der Wirtschaftsministerin Colette Flesch im Jahre 1983 bereitwillig aufgegriffen wurde, indem sie diese als eine „industrie crépusculaire“ bezeichnete. Da Davignon am 18. Mai 2026 im Alter von 93 Jahren verstorben ist, kommt es nun nicht zum Prozess um die persönliche Verantwortung eines Exponenten des EU- Kapitalismus im brutalen postkolonialen Machtkampf um die Reichtümer der DRK.
Die Ermordung von Patrice Lumumba, ein neokolonialer Akt
Anlässlich der Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo am 30. Juni 1960 in Léopoldville sind die Gegensätze zwischen den Plänen der belgischen Kolonialisten und denen von Patrice Lumumba , dem ersten aus einer freien Wahl hervorgegangenen Premierminister offen zutage getreten. Während König Baudouin die Kolonialisierung und die „zivilisatorische Mission“ Belgiens lobpries und von einem friedlichen Übergang sprach, der sich über einen dreißigjährigen Zeitraum erstrecken sollte, kam für Patrice Lumumba eine Neukolonisierung mit den alten Kolonialherren nicht in Frage. In seiner Ansprache wandte er sich direkt „an die Kongolesen und Kongolesinnen, an die Kämpfer für die Unabhängigkeit“. Er deckte die brutale Realität der kolonialen Ausbeutung auf, brach mit dem europäischen Paternalismus, bekräftigte die Souveränität und Würde des kongolesischen Volkes und schlug einen raschen und vollständigen Übergang zur Unabhängigkeit vor. Auszüge aus seiner Rede befinden sich im Anhang dieses Artikels.
Der König der Belgier fühlte sich gekränkt, da er sich als Vater der kongolesischen Unabhängigkeit betrachtete. Aber die Kränkung des Königs war nicht die alleinige Konsequenz : Patrice Lumumba hatte mit dieser Ansprache eigentlich sein Todesurteil unterschrieben, da die belgischen Kolonialisten nicht auf die Kontrolle der Bodenschätze dieses überaus reichen Landes verzichten wollten. So unterstützten sie militärisch die Sezession der Provinz Katanga durch deren prowestlichen und antikommunistischen Präsidenten Moïse Tschombé und betrieben den Sturz Lumumbas. Gleichzeitig waren die USA über angebliche Verbindungen Patrice Lumumbas zur Sowjetunion beunruhigt, die ihm vom Armeechef Désiré Mobutu vorgeworfen wurden.
Mobutu organisierte Mitte September 1960 einen Staatsstreich, ließ Patrice Lumumba verhaften, foltern und anschließend in die sezessionistische Provinz Katanga überführen. Im Juli 2002 wurden von den USA Dokumente veröffentlicht, die die Rolle der CIA offenlegten. Entsprechend diesen Dokumenten hat die CIA die Gegner Patrice Lumumbas politisch und finanziell unterstützt und Mobutu mit Waffen und militärischer Ausbildung versorgt.
Im Februar 2002 räumte die belgische Regierung ein, „eine unbestreitbare Verantwortung für die Ereignisse, die zum Tod Lumumbas führten“, zu tragen, wollte jedoch nicht die volle Verantwortung übernehmen. Die parlamentarische Untersuchungskommission, unterstützt von den Experten Emmanuel Gérard, Luc De Vos, Jules Gérard Libois und Philippe Raxhon, stellte fest, dass eine Reihe belgischer Persönlichkeiten direkt oder indirekt eine Rolle bei der Ermordung Patrice Lumumbas gespielt hatten. Es wurden jedoch keine Beweise dafür gefunden, dass der Mord von den belgischen Behörden angeordnet worden war.
Étienne Davignon wurde verdächtigt, an der Verlegung Patrice Lumumbas in ein Gefängnis des abtrünnigen Katanga beteiligt gewesen zu sein. In der belgischen parlamentarischen Untersuchung wird ein Fernschreiben erwähnt, das er im September 1960 an seine Vorgesetzten richtete und in dem er schrieb: „Das vorrangige Problem scheint also darin zu bestehen, Lumumba aus dem Weg zu räumen.“
Der Mord an Patrice Lumumba und an seinen beiden Begleitern Maurice Mpolo und Joseph Okito in der Nacht vom 17. Januar 1961 wurde nie ganz aufgeklärt. Der Autor Ludo De Witte schreibt in seinem Buch „L’assassinat de Patrice Lumumba“ , dass der belgische Polizeikommissar Frans Verscheure die Gefangenen zum Ort ihrer Hinrichtung führte und der Polizist Julien Gat dem Erschießungskommando aus katangischen Separatisten den Befehl erteilte. Danach sei der Körper Patrice Lumumbas zerstückelt und von Gérard Soete in 200 Litern Schwefelsäure aufgelöst worden, um alle Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Ein Goldzahn, der Patrice Lumumba gehörte, wurde bei der Tochter eines beteiligten belgischen Polizisten sichergestellt und im Juni 2022 offiziell von Belgien an die DR Kongo zurückgegeben. Bei dieser Zeremonie entschuldigte sich der belgische Premierminister der Alexander De Croo für die „moralische Verantwortung“ Belgiens am Verschwinden Lumumbas. Diese natürlich richtige – und überfällige – Geste tut jedoch der weiter bestehenden Ausbeutung im Kongo keinen Abbruch !
Zerstörung der rechtlichen demokratischen Ordnung
Die Ermordung von Patrice Lumumba und seiner Begleiter zeigt, wie westliche Regierungen, allen voran die USA, aus Kapital- oder militärischen Interessen alle rechtlichen und demokratischen Prinzipien über Bord geworfen und die Zukunft anderer Länder untergraben haben.
Verbrecher und Diktatoren wie Tschombé und Mobutu wurden an die Macht gebracht, während Jahren und sogar Jahrzehnten hofiert und die Zukunft ihrer Völker missachtet. Diese Politik hat nicht erst mit der Ära Trump begonnen – auch wenn sie derzeit für jeden offensichtlich wird.
Annexe
Extraits du discours prononcé par le Premier Ministre Patrice Emery LUMUMBA en présence du roi Baudouin lors de la cérémonie de l’indépendance du Congo en date du 30 juin 1960 à Léopoldville (actuellement Kinshasa)
Congolais et Congolaises, Combattants de l’Indépendance aujourd’hui victorieux, je vous salue au nom du gouvernement congolais,
À vous tous, mes amis, qui avez lutté sans relâche à nos côtés, je vous demande de faire de ce 30 juin 1960 une date illustre que vous garderez ineffablement gravée dans vos cœurs, une date dont vous enseignerez avec fierté la signification à vos enfants, pour que ceux-ci à leur tour fassent connaître à leurs fils et à leurs petits-fils l’histoire glorieuse de notre lutte pour la liberté.
Car cette Indépendance du Congo, si elle est proclamée aujourd’hui dans l’entente avec la Belgique, pays ami avec qui nous traitons d’égal à égal, nul Congolais digne de ce nom ne pourra jamais oublier cependant que c’est par la lutte qu’elle a été conquise, une lutte de tous les jours, une lutte ardente et idéaliste, une lutte dans laquelle nous n’avons ménagé ni nos forces, ni nos privations, ni nos souffrances, ni notre sang. (…)
Nous avons connu le travail harassant exigé en échange de salaires qui ne nous permettaient ni de manger à notre faim, ni de nous vêtir ou nous loger décemment, ni d’élever nos enfants comme des êtres chers.
Nous avons connu les ironies, les insultes, les coups que nous devions subir matin, midi et soir, parce que nous étions des « nègres ». (…)
Nous avons connu que nos terres furent spoliées au nom de textes prétendument légaux qui ne faisaient que reconnaître le droit du plus fort. Nous avons connu que la loi n’était jamais la même selon qu’il s’agissait d’un Blanc ou d’un Noir : accommodante pour les uns, cruelle et inhumaine pour les autres.
Nous avons connu les souffrances atroces des relégués pour opinions politiques ou croyances religieuses ; exilés dans leur propre patrie, leur sort était vraiment pire que la mort même. (…)
Qui oubliera les fusillades dont périrent tant de nos frères, les cachots dont furent brutalement jetés ceux qui ne voulaient plus se soumettre au régime d’une justice d’oppression et d’exploitation ? (…)
Nous allons établir ensemble la Justice sociale et assurer que chacun reçoive la juste rémunération de son travail. (…)
Nous allons mettre fin à l’oppression de la pensée libre et faire en sorte que tous les citoyens puissent jouir pleinement des libertés fondamentales prévues dans la déclaration des Droits de l’Homme. (…)
Nous allons faire régner, non pas la paix des fusils et des baïonnettes, mais la paix des cœurs et des bonnes volontés.
Et pour tout cela, chers compatriotes, soyez sûrs que nous pourrons compter, non seulement sur nos forces énormes et nos richesses immenses, mais sur l’assistance de nombreux pays étrangers dont nous accepterons la collaboration chaque jour qu’elle sera loyale et ne cherchera pas à nous imposer une politique, quelle qu’elle soit. (…)
L’Indépendance du Congo marque un pas décisif vers la libération de tout le continent africain.
Voilà, Sire, Excellences, Mesdames, Messieurs, mes chers compatriotes, mes frères de race, mes frères de lutte, ce que j’ai voulu vous dire au nom du gouvernement en ce jour magnifique de notre Indépendance complète et souveraine.
Patrice Emery Lumumba, Premier Ministre

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