Um Krieg zu führen, braucht man Kanonenfutter

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Affiche de recrutement militaire luxembourgeois avec un soldat en camouflage et le texte "PRETT FIR IWWER DECH ERAUSZWEESSEN?"

paroles.lu veröffentlicht heute einen Beitrag, der vor 25 Jahren im Tageblatt als Leserbrief erschien und nichts an Bedeutung verloren hat, und zieht Parallelen zur heutigen Militarisierung.

Einerseits steht die Beschreibung der versuchten Kaperung von Jugendlichen, im Gegensatz zu deren gesetzlich garantierten Schutzbedürftigkeit, als Zeugnis für die ewigen Versuche, Kanonenfutter zu züchten. Andererseits wird damals wie heute mit einem « Job mat Zukunft« , der Selbstverwirklichung und der Selbstverteidigung argumentiert, um das Töten und Töten lassen zu beschönigen und zu rechtfertigen.

Der dringlichsten aller Fragen , nämlich der des Friedens, steht momentan ein Programm totaler Aufrüstung gegenüber und es scheint kaum Gegenwehr zu geben.

Dabei ist in einem Land, dessen Entwicklung über Jahrhunderte durch Militärs jeder Couleur behindert wurde, das Abgleiten von der legitimen Ablehnung der Militarisierung von Unmündigen hin zur Jubelkulisse von uniformierten Aufmärschen und nun gar der Produktion von Waffen, vollkommen absurd.

Im Jahr 2001 unternahm die Luxemburger Armee erste Rekrutierungsversuche, um ihr NATO-Kontingent aufzufüllen.  Dazu gehörten Adventure Camps nahe dem Härebierg und Auftritte in den Schulen.

Ein Lehrer – sein Name ist der Redaktion bekannt – reagierte mit einem Lesebrief im Tageblatt auf einen solchen Auftritt und er erntete per e-mail nur Zustimmung.

Militärauftritt im LTNB

Sie rücken an, fünf starke Männer in Tarnkleidung … ;  ein KFOR-Panzerfahrzeug bezieht Stellung im Schulhof, während nach und nach ein überdimensionierter Propagandastand das Foyer der Schule fast vollständig ausfüllt.  Target sind die 9e-Schüler-Innen, welche, beeindruckt von so viel Stärke und Überzeugungskraft, für eine Armeekarriere gewonnen werden sollen.

Sciencefiction ? Leider nicht, sondern beschämende Wirklichkeit im Lande Luxemburg, am Dienstag, dem 12 Juni, im Düdelinger Lycée technique Nic-Biever – und an manchen anderen Tagen dieses Jahres in anderen Sekundarschulen !

Das Problem : seit die zukünftigen Polizisten sich nicht mehr auf dem Herrenberg dem Militärdrill unterwerfen müssen, sondern eine Ausbildung in einer zivilen Polizeischule erhalten, hat die luxemburgische Freiwilligenarmee ihre Mühe und Not, ihr Nato-Kontingent aufzufüllen.
Die Lösung : sich nicht mehr damit zufriedengeben, über die « Services de psychologie et d’orientation scolaire »(SPOS) der einzelnen Schulen Herrenberg-Besuche für Interessenten zu organisieren, sondern besser direkt in jede Schule einrücken, damit auch keine(r) der 15- bis 16-jährigen  den militärischen Show-Effekten entgehen kann !

Das ist das neue, aggressive Marketing von Seiten unseres, den Menschenrechten ach so verbundenen Armeeministers Charel Goerens !  Luxemburg hat wohl im September 2000 das Zusatzprotokoll zur UNO-Kinderkonvention von 1989 unterschrieben , durch das die Altersgrenze für die Armeemitgliedschaft auf 18 Jahre heraufgesetzt wurde, wendet dieses aber nicht bei der Rekrutierung, sondern nur beim Kampfeinsatz an – und scheut sich nicht, im Jahr darauf mit großem Aufwand in die Schulen einzudringen!

Eine weitere Marketing-Masche wird auf den Plakaten und einem an die SchülerInnen verteilten Mousepad deutlich: die Armee präsentiert sich als friedenstiftender Wohltätigkeitsverein (« Asätz an Hëllef am Déngscht vum Fridden ») und verspricht « eng Schoul fir d’Liewen », « een Job mat Zukunft ».

Drill und Kriegsführung, das eigentliche A und O des Militärs werden den anvisierten Jugendlichen dabei natürlich verschwiegen, genau wie das Risiko, dass sie vielleicht später bei  Kriegs- , Entschuldigung, … Friedenseinsätzen auf andere Menschen schießen müssen oder das eigene Leben in Gefahr bringen.

Ich bin zutiefst schockiert über den Propagandaauftritt, der an meiner Schule und wohl an vielen anderen unseres Landes ablief. Hier wurde mit großem Aufwand Jugendlichen und beinahe noch Kindern Dinge vorgegaukelt, die sie, – so fürchte ich – nicht ermessen können. Als Lehrer halte ich es für meine Aufgabe, diesen Missbrauch unserer öffentlichen Schule für militärische Zwecke anzuprangern und die Jugendlichen, die mir anvertraut sind, gegen jede Desinformation zu schützen. Die Armee ist kein Betrieb wie ein anderer; Rekrutierungsmaßnahmen für das Soldatenhandwerk haben deshalb meiner Meinung nach nichts im Rahmen des Schulbetriebs zu suchen !

Wer auch dieser Meinung ist, kann dies mitteilen unter  (……………………………..).  Vielen Dank !

Dieser Leserbrief blieb nicht unbeachtet und eine ganze Reihe von nur positiven Antworten gingen ein.
Hier ein paar Auszüge :

Email envoyé le dimanche 17 juin 2001 à 12h35, sujet : Leserforum Tagesblatt.
Texte écrit en allemand exprimant l'admiration pour le personnel enseignant qui protège les élèves des défis auxquels les soldats font face.
Email envoyé le dimanche 17 juin 2001 à 13:53 avec pour sujet 'militaropträtt am lycée technique nic'
Texte en luxembourgeois discutant des préoccupations relatives à la manière dont l'armée interagit avec la société, en évoquant des problèmes de sécurité et de communication.
Un e-mail discutant de la campagne de recrutement scolaire et des préoccupations concernant les métiers associés, mentionnant des critiques sur l'approche pédagogique.
Un e-mail écrit en luxembourgeois, discutant de projets scolaires et d'événements dans une école technique.

Fortschreitende Militarisierung der Gesellschaft

Folgeveranstaltungen zu den ersten Rekrutierungsversuchen in den Schulen aus dem Jahr 2001 sind 25 Jahre später die Tage der offenen Tür in den Härebierg-Kasernen, an denen tausende Eltern mit ihren Kindern teilnehmen und Politiker mit Waffen hantieren.  Militär und Nato sind derzeit „in“ und die anwesenden Bürgerinnen und Bürger scheinen während der dortigen Kirmesatmosphäre inklusive Schatzsuche und Panzererklimmen nicht wahrzunehmen, um was es wirklich geht, nämlich um Leben und Tod.

Das obige Werbefoto an der „Hamilius“-Bushaltestelle lüftet dazu mittlerweile den Schleier :

PRETT FIR IWWER DECH ERAUSZEWUESSEN ?

Zukünftigen Rekruten wird nahegelegt, mit dem Gewehr im Anschlag ihre Schwächen zu überwinden.

Die Botschaft kann wohl nicht deutlicher sein:  Es geht darum , an der Ostflanke der EU –  durch die natürliche Umgebung auf dem Foto angedeutet – an Kampfeinsätzen, wie regelmäßig betont für „unsere Werte und unsere Freiheit“ teilzunehmen und auf andere Menschen zu schießen.

Mit öffentlichen Geldern gesponsort, wird dies als ein positives „ÜBER-SICH-HINAUSWACHSEN“ gepriesen – im absoluten Gegensatz zu Boris Vians Aussage in seinem bekannten Lied Le Déserteur : „Je ne suis pas sur terre pour tuer des pauvres gens“. Braucht es einen weiteren Beweis für die Perversität des Krieges und seiner Befürworter ?

Noch wird die Wiedereinführung des 1967 abgeschafften obligatorischen Militärdienstes von der Regierung ausgeschlossen. In Deutschland ist da man schon einen Schritt weiter … .

Von paroles.lu geht die Aufforderung an unsere Abonnenten und Leser, Stellung zur jetzigen Militarisierung nehmen.  Äußert Eure Meinung über eine Mail an  paroles@pt.lu oder über einen Kommentar unter diesem Artikel – Herzlichen Dank!

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