Die politische Versuchung der Unsterblichkeit

Monument en noir et blanc d'un cheval et d'une statue équestre, avec des personnes assises à la base.

Ein beiläufig aufgefangenes Gespräch am Rande einer Militärparade in Peking erregte Anfang September mediale Aufmerksamkeit. Vladimir Putin und Xi Jinping sprachen darin über medizinische Zukunftsvisionen: „Die Biotechnologie entwickelt sich ständig weiter. Menschliche Organe können kontinuierlich transplantiert werden. Je länger man lebt, desto jünger wird man und kann sogar Unsterblichkeit erlangen.“, sagte Putins Dolmetscher. Und Xi ergänzte: „Einige sagen voraus, dass Menschen in diesem Jahrhundert bis zu 150 Jahre alt werden können.“

Dieses fragmentarische Gespräch ist mehr als nur eine kuriose Randnotiz. Es deutet tatsächlich auf ein neues Verständnis politischer Macht hin. Diese richtet sich nicht mehr nur auf Territorien oder Institutionen, sondern auf das, was bisher als unverfügbar galt: die biologische Zeit selbst.

Wenn die Welt mit dem Leben endet

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) hat in seinem Werk Lebenszeit und Weltzeit (1986) eine Kategorie geprägt, die dieses neue Machtdenken treffend beschreibt, nämlich den Willen zur Kongruenz von Lebenszeit und Weltzeit. Gemeint ist die Vorstellung, das eigene Leben müsse mit dem Schicksal der Welt zusammenfallen: Wenn der Herrscher stirbt, soll auch die Geschichte enden. In totalitären Systemen wird daraus eine politische Logik, indem der Horizont der Welt auf den Horizont eines einzelnen Lebens heruntergebrochen wird. Für Blumenberg zeigte sich dieses Muster exemplarisch im Nationalsozialismus. Hitlers letzte Anordnungen zielten darauf, den Untergang seines Regimes mit dem Untergang des Landes zu koppeln. Dem Adjundanten Nicolaus von Below soll Hitler nach dem Scheitern der Rundstedt-Offensive gesagt haben: „Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“ Wo das eigene Leben an sein Ende gelangt, darf – in dieser Logik – auch die Welt kein Morgen mehr haben.

Der neue Wahn der Dauer

Heute begegnet uns eine neue Variante dieses Wahns, zwar weniger apokalyptisch, aber nicht minder gefährlich. Statt mit dem eigenen Ende auch das Ende der Welt besiegeln zu wollen, sollen technische und medizinische Mittel verhindern, dass überhaupt ein Ende eintritt. Nicht mehr die Welt soll mit dem Leben aufhören – das Leben soll einfach niemals aufhören. Die Idee, dass führende Figuren länger (oder sehr viel länger) leben taucht dabei im Umfeld autoritärer Regime als ernsthafte Zukunftsstrategie auf. Wer seine eigene Lebensspanne verlängern kann, verschiebt nämlich die zeitlichen Bedingungen von Macht. Autorität wird nicht mehr von der biologischen Grenze beschnitten, sondern durch Technologie verlängert. Die Lebenszeit – das macht das aufgeschnappte Gespräch der beiden Autokraten deutlich – wird zu einer Ressource geopolitischer Macht. nd das Politische verschiebt sich von der Frage: „Wie regiere ich?“ zu der Frage: „Wie überdauere ich?“

Sterblichkeit als politische Tugend

Gerade die Sterblichkeit aber hat – mutatis mutandis – eine politische Funktion. Sterblichkeit erzwingt Rotation, sie schützt vor der Identifikation von Person und Amt, sie macht den Übergang von politischer Verantwortung möglich. Institutionen, Verfassungen, Traditionen werden überhaupt nur notwendig, weil Einzelne enden. Dazu Blumenberg: „Institutionen beruhen gerade darauf, daß die Lebenszeit nicht das Maß aller Dinge ist, vielmehr Verfügungen über deren Grenzen hinaus getroffen, Traditionen über sie hinweg gesetzt und angenommen werden müssen.“ Endlichkeit ist nicht ein Makel der Politik, sondern ihre Bedingung. Gesellschaftliche Erneuerung lebt davon, dass Perspektiven wechseln, Erfahrungen enden und andere beginnen. Wenn die biologische Grenze jedoch technisch verschoben wird, verschiebt sich auch das Machtgefüge. Das politisch Notwendige – der Wechsel – weicht dem Fortbestehen, der Permanenz. Damit droht eine gefährliche Erstarrung.

Die Ungleichheit der Zeit

Es ist daher kein Zufall, dass autoritäre Regime Institutionen misstrauen oder sie gezielt aushöhlen. Denn Institutionen verkörpern genau das, was der Herrschaft des Unsterblichen entgegensteht: die Vorstellung, dass Ordnung auch ohne die Person weiterbesteht. Wo Macht sich selbst verewigen will, erscheint jede Institution als Bedrohung – weil sie an das erinnert, was der Autokrat nicht ertragen kann: dass die Welt auch nach ihm weitergeht.

Der Einzelne kommt in eine Welt, die vorher war, und geht aus einer Welt, die bleiben wird. Demokratie beruht darauf, dass alle Menschen zumindest diese eine Gemeinsamkeit teilen: das Wissen um die eigene Endlichkeit. Aber was geschieht, wenn das wertvollste Gut – die Zeit – zur Ungleichheitsquelle wird? Diese Gemeinsamkeit wäre dann nicht mehr selbstverständlich. Wer die Zukunft kontrolliert, indem er die eigene Zeit in die Länge zieht, greift nicht nur in biologische Abläufe ein, sondern in die Struktur des Gemeinsamen. Das kurze Gespräch aus Peking zeigt ein Denken, das sich weigert, sterblich zu sein; den Versuch, das Ende als Option auszuschließen – nicht für alle Menschen, sondern nur für jene, die bereits an der Macht sind.

Die Würde des Sterblichen

Blumenberg hätte diesen Wahn nicht nur als politische, sondern als anthropologische Versuchung gelesen. Sein Denken beruht auf der Vorstellung der menschlichen Existenz als eines Balanceakts zwischen Ohnmacht und Selbstbehauptung. Der Mensch erträgt seine Endlichkeit, indem er inmitten der Weltzeit eine eigene Bedeutung für seine kurze Lebenszeit stiftet. Gerade darin liegt die eigentliche Würde des Sterblichen: nicht darin, ewig zu dauern, sondern trotz der eigenen Endlichkeit einen Sinn zu schaffen. Der Traum von der Unsterblichkeit verkennt diese Würde. Er verwandelt die Angst vor dem Tod in einen Willen zur Kontrolle. Doch wer die Sterblichkeit verleugnet, verlernt auch, Macht zu übergeben. Die Würde des Sterblichen ist daher nicht nur eine anthropologische, sie ist die Bedingung der Demokratie – und vielleicht die letzte Grenze der Politik.

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