Beim März-Verlag erstmals 2025 auf Deutsch erschienen, veranschaulicht „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“ von Howard Zinn aus dem Jahr 1980 eine gänzlich andere Geschichtsschreibung. Hier wird nämlich Geschichte nicht aus der Perspektive der großen politischen Figuren und der herrschenden Klasse erzählt, sondern aus den Erfahrungen, der Gegenwehr und den Perspektiven der Beherrschten, Besiegten und Unterjochten. Auf den 927 Seiten dieses ungemein lehrreichen Buches, – von Kolumbus bis zur Clinton-Regierung – birgt die Erzählweise Zinns mit Hilfe von unzähligen Beispielen von Ereignissen und Reaktionen aus der Sicht von Native Americans, Sklav: innen, Schwarzen, Migrant: innen und Lohnabhängigen im vollkommen inegalitären US-Kapitalismus einen wahren Schatz der „Geschichte von unten“.

Kein Wunder, dass bei den „Wächtern des Systems“ dieses Werk nicht auf Gegenliebe stieß; so erklärten in einer 2012 durchgeführten Online-Abstimmung des History-News Network mehr als 600 Historiker: innen Zinns radikale Geschichte zum “zweitunglaubwürdigsten Geschichtsbuch, das im Druck ist“. Der Erfolg des Buches widerspricht allerdings dieser ablehnenden Beurteilung, sind doch bisher 4 Millionen Exemplare verkauft worden. Und es gehörte 1981, nach der Erstveröffentlichung im Jahre 1980, zu den zehn besten Sachbüchern in den USA. Seither sind die USA – und nicht nur dieses Land – stark nach rechts gerückt und es ist deshalb umso wichtiger, sich diese Neuauflage zu Gemüt zu führen.
Klar ist nämlich, dass dieses Buch mit seiner „von unten nach oben“ gerichteten, antikapitalistischen, antirassistischen und kriegsfeindlichen Perspektive der jetzigen politischen Entwicklung in den USA – und anderswo – diametral entgegensteht. Es geht daraus hervor, dass Rassismus, Kolonialismus, Klassengesellschaft und Patriarchat integrale Bestandteile und nicht Verirrungen und Unfälle des bestehenden Systems sind. Das Voranstellen des Profits vor jegliche soziale und ethische Ziele und der Missbrauch der Macht dafür, sind die wahren Triebfedern dieser Gesellschaft und lassen sich in der Ausmerzung der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, dem Plantagensystem, der Ausbeutung der Einwanderer, der Unterdrückung der Frauenrechte, der Kriegstreiberei, sowie der Monopolisierung des Reichtums durch einige wenige, Stück für Stück nachvollziehen.
Im Vorwort zur Ausgabe 2003 schreibt der Autor: „Das Benutzen des Staates für Klassenzwecke, um den Bedürfnissen der Reichen und Mächtigen zu dienen, zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte, bis heute. Verschleiert wird dies durch eine Sprachwahl, die suggeriert, dass wir alle – Reiche, Arme und die Mittelschicht – ein gemeinsames Interesse hätten.“ (S. 874) Und er fährt fort: „Da ist einerseits die Vergangenheit mit ihren fortwährenden Schrecken: Gewalt, Krieg, Vorurteile gegenüber allen, die anders sind, (…) politische Macht in den Händen von Lügnern und Mördern, die Errichtung von Gefängnissen anstatt Schulen, die Vergiftung der Medien und der gesamten Kultur durch das Geld.“ (S. 878) Und er schließt mit den Worten: „Es ist ein Wettlauf, bei dem wir alle wählen können, ob wir teilnehmen oder nur zuschauen. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass unsere Entscheidung das Ergebnis mitbestimmen wird.“ (S. 879)
Schließlich zitiert er das Gedicht The Masque of Anarchy von P.B. Shelley, dessen Zeilen Anfang des 20. Jahrhunderts den streikenden Näherinnen in New York Mut machten (S. 879) :
“ Erhebt euch wie Löwen nach dem Schlaf
in unbezwingbarer Zahl –
Schüttelt eure Ketten ab wie Tau,
Der auf euch Schlafende gefallen war –
Ihr seid viele – sie sind wenige.“
ISBN 978-3-7550-0012-9, 927 Seiten, März Verlag GmbH, 2025.

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